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Smart Home

Alles über das smarte Wohnen

Interview

Smart Home für Senioren - wo sind die Grenzen?

Notrufknopf und Kamera – Sicherheit für Senioren in den eigenen vier Wänden nimmt zu. Wieviel Überwachung ist nötig und vor allem: Wieviel ist ethisch vertretbar? Wolfgang Betting, Projektleiter „Seniorenfachberatung Wohnen & Technik“ von der Evangelischen Stadtmission Karlsruhe, beleuchtet mit uns den ethischen Aspekt des smarten Wohnens für ältere Menschen.

Wolfgang Betting von der Karlsruher Stadtmission im Interview.

Wolfgang Betting von der Karlsruher Stadtmission im Interview.

Herr Betting, die Stadtmission berät unter anderem Senioren rund um das Thema „Wohnen und Technik“. Wer sucht eher Rat bei Ihnen, wenn es um Smart Home für Ältere geht? Sind das die Senioren selbst (etwa unter dem Vorsorge-Aspekt) oder deren Angehörige?

Wolfgang Betting: Die Beratungsstelle „Seniorenfachberatung Wohnen & Technik“ gibt es seit Anfang dieses Jahres. Überwiegend sind es Angehörige, die sich an uns wenden. In der Beratung entdecken diese dann aber oft auch Themen für sich selbst, weil sie den hohen Komfort-Wert mancher Smart Home-Lösung für sich erkennen.

Wie stehen Senioren zu den technischen Entwicklungen, die ihnen das Leben erleichtern können?

Wolfgang Betting: Die Offenheit nimmt zu. Und wenn Senioren die Hilfsmittel und Geräte in einer Fachberatung angemessen erklärt bekommen und diese dabei sehen und anfassen können, wächst die Akzeptanz. In wenigen Jahren gehören Smart Home-Lösungen ohnehin zum Alltag.

Unter welchen Gesichtspunkten (abgesehen von den individuellen Bedürfnissen der jeweiligen Person) werden ältere Menschen bezüglich smarter Technik für Senioren beraten?

Wolfgang Betting: Wir beraten nicht nur zur Technik selber, sondern auch zu konkreten Umsetzungsfragen wie zum Beispiel „Welche Firma kann die Technik installieren und auch seniorengerecht erklären?“ Smarte Technik geht oft auch einher mit einem Bedarf an Rehabilitation. Hier beraten wir in Kooperation mit dem in Karlsruhe ansässigen Geriatrischen Zentrum.

Notrufarmband, Überwachungskamera, Bewegungssensor, GPS-Tracker oder automatische Erfassung medizinischer Daten – inzwischen gibt es viele smarte Geräte, die die Betreuung älterer Menschen erleichtern und deren Alltag sicherer machen. Wo stößt die Technik an ihre ethischen Grenzen?

Wolfgang Betting: Eigentlich möchten Nutzer nachvollziehen können, wie ihre Daten verarbeitet und genutzt werden. In der Realität machen sich aber viele von ihnen gar keine Gedanken mehr über Datensicherheit. Deutlich zu sehen am Beispiel Facebook. Wir erleben, wie rasant sich die Grenzen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung verschieben. Gleichwohl haben die renommierten Smart Home- Hersteller hohe Standards bezüglich Datensicherheit. Besonders wichtig ist dies zum Beispiel bei Funklösungen.

Wie sind Konflikte zwischen Ethik und Technik zum Wohle der Betroffenen am besten zu lösen?

Wolfgang Betting: Mithilfe der christlichen Soziallehre lassen sich Ethik und Technik am Besten in Einklang bringen. Sie besagt, dass der Mensch ein Ebenbild Gottes ist und auch noch im Alter als wertvoller Teil der Gesellschaft gesehen wird. Für die daraus resultierende Selbstbestimmung eines jeden Menschen lassen sich unter anderem folgende Forderungen ableiten: 1. Der Einsatz von altersgerechten Assistenzsystemen darf insbesondere bei kognitiv eingeschränkten Personen nur nach gesonderter Prüfung und unter Berücksichtigung des mutmaßlichen Willens des Betroffenen erfolgen. 2. Anbieter altersgerechter Assistenzsysteme müssen sicherstellen, dass personenbezogene Daten vor dem Zugriff unbefugter Dritter und vor sonstigem Missbrauch geschützt werden. Weitergehende Abwägungen findet man in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegebenen Leitfaden mit dem Titel „Ethische Fragen im Bereich Altersgerechter Assistenzsysteme“.

Besteht Ihres Erachtens die Gefahr, dass die Pflege von Mensch zu Mensch durch den Einsatz neuer Technologien rückläufig ist? Immerhin muss die Tochter beispielsweise nicht jeden Tag zur alten Mutter fahren, um zu überprüfen, ob diese den Weg ins Bett gefunden hat, wenn sie dafür einfach einen Blick auf den mit einer Überwachungskamera verbundenen Monitor am heimischen Bildschirm werfen kann.

Wolfgang Betting: Die Technik wird in den nächsten Jahren zunehmend Entlastungscharakter aufweisen. Persönliche Betreuung und Pflege wird Technik aber nicht ersetzen. Fehlentwicklungen sind hier nicht auszuschließen, gegebenenfalls muss gegengesteuert werden.

Wer entscheidet letztendlich über den ethisch vertretbaren Einsatz von smarter Technik? Sehen Sie hier auch Hersteller und Gesetzgeber in der Pflicht?

Wolfgang Betting: Bei komplexen technischen Smart Home-Lösungen wären gesetzliche Mindestanforderungen im Rahmen des Verbraucherschutzes sinnvoll. Im Übrigen ist der Gesetzgeber wie in anderen Bereichen gefordert, aktuelle Entwicklungen aufzugreifen und im Einzelfall neu zu regeln. Es werden sich ähnliche Herausforderungen ergeben, wie wir sie aus dem Bereich der medizinischen Versorgung kennen.

Werden Senioren zu gläsernen Bürgern, wenn sie mittels moderner Technik überwacht und betreut werden?

Wolfgang Betting: Vor dem Einsatz technischer Assistenzsysteme steht meist eine Kaufentscheidung. Senioren und Angehörige benötigen dazu eine fachlich kompetente Beratung. So gelingt es herauszufinden, welche Lösung im Einzelfall sinnvoll ist und gleichzeitig auch auf Akzeptanz stößt. Das fehlende Beratungsangebot war der Beweggrund, warum wir als Evangelische Stadtmission Karlsruhe unsere „Seniorenfachberatung Wohnen & Technik“ gemeinsam mit dem Diakonissenkrankenhaus Karlsruhe-Rüppurr ins Leben gerufen haben. Unsere für den Bürger kostenlose Beratung wird derzeit noch in keiner Weise öffentlich gefördert. Im Gegensatz zu den Pflegestützpunkten, welche aber in der Regel nicht so spezialisiert beraten können.

Vielen Dank für das Interview, Herr Betting.

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